Die Pharmazie trauert um Hans-Hartwig Otto, der am 2. April 2026 im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Mit ihm verliert die Wissenschaft einen profilierten Vertreter der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie, dessen Wirken über Jahrzehnte hinweg Forschung, Lehre und akademische Selbstverwaltung gleichermaßen geprägt hat.
Hans-Hartwig Otto wurde am 22. Mai 1939 in Münster geboren. Er studierte Pharmazie und Chemie an der Freien Universität Berlin sowie an der Philipps-Universität Marburg, wo er 1963 die Pharmazeutische Prüfung ablegte. Danach schloss er sich der Arbeitsgruppe von Prof. Horst Böhme in Marburg an, wo er von seinen Weggefährten in Marburg nur „H2O“ genannt wurde. Nach seiner Promotion im Jahr 1966 und der Habilitation 1973 an der Universität Marburg schlug er eine konsequent wissenschaftlich geprägte Laufbahn ein.
Seine akademischen Stationen führten ihn zunächst auf eine Professur für Pharmazeutische Chemie in Marburg. Im Jahr 1978 folgte er einem Ruf an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er bis 1996 wirkte und eine ganze Generation von Pharmazeutinnen und Pharmazeuten ausbildete. Den Abschluss seiner aktiven Laufbahn bildete die Professur an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 innehatte.
Im Zentrum seines wissenschaftlichen Werkes standen die Synthese und strukturelle Modifikation von Arzneistoffen, die Heterocyclenchemie, die Synthese, Chemie und pharmakologischen Eigenschaften von β-Lactamen und β-Sultamen sowie die Naturstoffforschung, insbesondere im Bereich der Flavonoide. Darüber hinaus widmete er sich der Arzneibuchanalytik. Seine Arbeiten zeichnen sich durch methodische Präzision, chemische Kreativität und eine klare Ausrichtung auf die Relevanz für die Arzneimittelentwicklung aus. Sein Publikationswerk dokumentiert ein kontinuierliches Interesse an der Verbindung von chemischer Grundlagenforschung und pharmazeutischer Anwendung. Darüber hinaus war Hans-Hartwig Otto Mitautor des bekannten pharmazeutischen Standardwerks „Helwig/Otto – Arzneimittel“, das Ärzt*innen und Apotheker*innen als umfassende Referenz zur Bewertung und Anwendung von Arzneimitteln dient.
Neben seiner Forschung war Hans-Hartwig Otto in besonderem Maße der akademischen Gemeinschaft verpflichtet. Von 1979 bis 1991 war er Erster Vorsitzender der Landesgruppe Südbaden der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) und von 1992 bis 1995 Präsident der DPhG. Dabei setzte er Impulse für die Weiterentwicklung des Faches und förderte den wissenschaftlichen Austausch weit über institutionelle Grenzen hinaus. 1992 rief er die DPhG-Stiftung (Horst Böhme-Stiftung) ins Leben, mit der seitdem hervorragende Nachwuchswissenschaftler/innen gefördert werden, die die Hochschullaufbahn einschlagen möchten.
Sein Wirken in der Lehre zeichnete sich durch hervorragende Vorlesungen mit intellektueller Klarheit aus. Seinen Doktorand*innen gewährte er große Freiräume in der thematischen Gestaltung ihrer Dissertationen, stand ihnen zugleich mit seinem außerordentlichen Fachwissen zur Seite und unterstützte sie engagiert in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung. Viele seiner Schülerinnen und Schüler tragen seine wissenschaftliche Haltung bis heute in Forschung, Industrie und Praxis weiter.
Mit Hans-Hartwig Otto verliert die Pharmazie eine beeindruckende Persönlichkeit, die wissenschaftliche Exzellenz mit Integrität, Verlässlichkeit und akademischem Verantwortungsbewusstsein verband. Sein Lebenswerk bleibt in der Fachgemeinschaft lebendig.
Die Pharmazie wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
Tanja Schirmeister, Mainz
Manfred Jung, Freiburg
Andreas Link, Greifswald
Ulrich Jaehde, Bonn, Präsident der DPhG

